Für was benötige ich C.O.D.E.? Ich sammle den ganzen Tag. Ein Satz aus einem Podcast, ein Absatz aus einem Artikel, ein Gedanke, der mir unter der Dusche kommt. Früher landete das alles irgendwo, in einer Notiz-App, einem Screenshot, einem angefangenen Dokument, und war am nächsten Tag verschwunden. Das eigentliche Problem war nie der Mangel an Informationen. Es war ihr Überfluss. Ich hatte mehr Interessantes gespeichert, als ich je wieder anschaute, und dieses Sammeln fühlte sich nach Fortschritt an, obwohl nichts daraus wurde.

Tiago Forte nennt das Gegenmittel das zweite Gehirn: ein System außerhalb des Kopfes, das das Erinnern übernimmt. Der Gedanke dahinter stammt von David Allen: Der Kopf ist zum Denken da, nicht zum Aufbewahren. Wer sich ständig merken muss, was er nicht vergessen darf, hat keine Ruhe zum Nachdenken. Fortes Weg zu diesem zweiten Gehirn hat einen Namen, und der ist so schlicht, dass er fast unterschätzt wird: C.O.D.E. Vier Schritte, die beschreiben, wie aus flüchtiger Information eigenes Wissen wird.
Der erste Schritt ist Capture, das Sammeln. Die Kunst liegt hier nicht im Mehr, sondern im Weniger. Forte sagt: Behalte nur, was wirklich bei dir anklingt, und lass den Rest bewusst ziehen. Das klingt banal, ist aber die schwerste Übung. Man muss dem Reflex widerstehen, alles Interessante zu horten. Sönke Ahrens nennt solche ersten Fänge fleeting notes, flüchtige Notizen: schnell hingeworfen, noch ungeprüft, gedacht nur dazu, bald weiterverarbeitet zu werden. Bei mir läuft dieses Sammeln inzwischen fast von selbst: ein Kurzbefehl auf dem iPhone, ein Tastenkürzel am Mac, beide werfen eine kleine Textdatei in einen Ordner, den Hazel überwacht und nach Obsidian weiterreicht. Der Punkt an dieser Technik ist, dass das Festhalten keine Hürde mehr sein darf. Wenn Sammeln Mühe kostet, sammelt man das Falsche oder gar nichts.
Der zweite Schritt ist Organize, das Ordnen. Hier machen die meisten den Fehler, nach abstrakten Themen zu sortieren, nach großen Schubladen wie „Produktivität“ oder „Gesundheit“. Forte dreht die Frage um. Nicht: Wohin gehört das? Sondern: Wofür brauche ich das? Geordnet wird nach Handlung und nach laufenden Projekten, nicht nach Kategorien, die gut aussehen. Eine Notiz, die ich nächste Woche für einen Text brauche, liegt bei diesem Text, nicht in einem Ordner, den ich nie wieder öffne. Ordnung ist kein Selbstzweck, sie ist Vorbereitung auf den Moment, in dem ich etwas wiederfinden will.
Der dritte Schritt ist Distill, das Destillieren. Aus jeder Notiz schäle ich mit der Zeit den Kern heraus, den einen Gedanken, um den es wirklich geht. Forte hat dafür ein schönes Bild: Eine gute Notiz ist ein Geschenk an das eigene zukünftige Ich. Denn dieses zukünftige Ich hat keine Zeit und keine Lust, sich durch drei Seiten Zitat zu wühlen, um zu verstehen, warum es das damals wichtig fand. Also hebe ich das Wesentliche hervor, schreibe es in eigenen Worten, streiche den Rest. Was übrig bleibt, ist keine Kopie mehr, sondern schon ein Stück eigenes Denken.
Der vierte Schritt ist Express, das Mitteilen, und er ist der entscheidende. Die ersten drei Schritte sind Vorbereitung. Erst hier wird aus Information Wissen, nämlich in dem Moment, in dem ich etwas damit mache. Ein Text, ein Vortrag, eine Entscheidung, ein Gespräch. Solange eine Idee nur gespeichert ist, ist sie eine Behauptung. Erst wenn ich sie benutze und jemandem zeige, zeigt sich, ob sie trägt. Deshalb ist dieser Blog für mich kein Beiwerk, sondern die letzte Stufe des Systems: die Stelle, an der mein digitaler Garten Früchte trägt. Wie dieser Garten funktioniert, habe ich an anderer Stelle beschrieben, in Garten statt Stream. C.O.D.E. ist gewissermaßen die Bewegung darin, von der ersten flüchtigen Notiz bis zum veröffentlichten Gedanken.
Ein Einwand liegt nahe, gerade heute: Wozu der Aufwand, wenn eine KI mir jede Information in Sekunden heraussucht? Die Antwort steckt genau im letzten Schritt. Eine Maschine kann Informationen wiedergeben, auch klug kombinieren. Was sie nicht kann, ist deine Deutung: deine Verbindung zwischen zwei Gedanken, die sonst niemand nebeneinandergelegt hätte, dein Urteil, das an deiner eigenen Erfahrung hängt. C.O.D.E. sammelt nicht Informationen, damit man sie parat hat. Es verwandelt sie in etwas, das nur durch die eigene Linse entsteht. Und das bleibt Handarbeit, auch in einer Welt voller Assistenten.
Am Ende ist C.O.D.E. weniger eine Methode als eine Karte durch die tägliche Flut. Sie sagt nicht, was du denken sollst, sondern nur, wohin ein Gedanke wandert, damit er nicht verloren geht: erst hinein ins System, am Ende wieder hinaus in die Welt, verändert durch alles, was dazwischen mit ihm passiert ist. Der Teil, den die meisten überspringen, ist dieser letzte. Dabei ist er der einzige, der zählt.
Literatur
- Tiago Forte (2022): Building a Second Brain. A Proven Method to Organize Your Digital Life and Unlock Your Creative Potential. New York: Atria Books
- David Allen (2001): Getting Things Done. The Art of Stress-Free Productivity. New York: Penguin
- Sönke Ahrens (2017): Das Zettelkasten-Prinzip. Erfolgreich wissenschaftlich Schreiben und Studieren mit effektiven Notizen. Norderstedt: Books on Demand
